Wenn wir über Hatha Yoga sprechen, denken viele von uns an eine sanfte Art des körperlichen Yoga, eine Harmonisierung des Körpers auf einer Matte. Der Begriff Hatha wir oft übersetzt mit Mond = Ha und Sonne = tha und mit dem Zusammenfügen der beiden gegensätzlichen Energien im Körper, Geist und im Herzen gleichgesetzt. Das ist ein schöner Gedanke und keinesfalls unwahr oder unwichtig. Aber es ist auch nicht die ganze Wahrheit über Hatha Yoga. Lass uns genauer erkunden, was Hatha Yoga von seinen Ursprüngen her bedeutet.

Hatha als Wort bedeutet „erzwingen, erarbeiten, schlagen“. Diese Begriffe beschreiben die ursprüngliche Bedeutung von Hatha Yoga, das von den Siddha Yogis um 900 – 1000 v. Chr. entwickelt wurde. Als Fachleute für Tantra strebten sie nach Erleuchtung in Form von Unsterblichkeit. Das Ziel dieser Yogis war es, nicht zu sterben! Durch tantrische Praktiken oder Kriyas wie Atemtechniken (Pranayamas), körperliche Übungen (Asanas), Töne (Mantras), Siegel (Mudras) und bestimmte sexuelle Praktiken reinigten sie Körper und Geist, um übernatürliche Kräfte zu erlangen. Die ultimative Superkraft war Unsterblichkeit, die ein bisschen wie Zauberkraft für sie war.

Deshalb war Hatha Yoga eine ziemlich harte und kraftvolle Disziplin mit geheimnisvollen Praktiken. Noch heute kann man diese Yogis in Indien beobachten, die 20 Jahre lang einen Arm über dem Kopf halten, seit Jahrzehnten angeblich nichts mehr gegessen haben oder endlos lang den Atem anhalten. Diese Typen sehen ein bisschen furchteinflößend aus mit ihren wirren Haaren, dem mit Asche bedeckten Bart und oft nur einem Tuch um die Hüften. Das ist das ursprüngliche Hatha Yoga. Hatha Yogis wurden als seltsam und gruselig angesehen und es war nicht cool, ein Hatha Yogi in Indien zu sein.

 

Video: Babu Raj Ji Yoga in the Himalayas (YouTube)

Was geschah, als Yoga in den Westen kam? Wie wurde Yoga so populär, obwohl es in Indien gar nicht beliebt war? In der Kolonialzeit wollten die Briten die authentische indische Kultur und Philosophie bewahren. Das Problem war nur, dass so viele Kulturen und Philosophien nebeneinander existierten. Was sollten sie also bewahren? Man kann sich leicht vorstellen, dass die Briten die Hatha Yogis nicht als zivilisierte Personen betrachteten, weshalb sie die noch ältere klassische Yoga Philosophie der Patanjali Sutren wählten. Dieses Yoga wird Raja (was so viel wie König bedeutet) genannt. Als später die Inder selber Yoga in den Westen exportierten, merkten sie, dass diese Philosophie für die Menschen zu trocken und schwierig zu verstehen ist. Sie ergänzten daher tantrische Praktiken, um das Interesse der Leute anzuheizen. Deshalb ist physisches Yoga immer Hatha Yoga und alle Hatha Yogis wenden tantrische Praktiken an – auch wenn sie Patanjali als Vater des Yoga und das Raja-Yoga als die wahrhaftige Yoga-Form bezeichnen.

 

Mudra by RaiPR/Pixabay

Wenn Du Dir moderne Yoga-Übungen anschaust, wirst du die ursprünglichen Hatha-Praktiken überall erkennen. Wir machen Asanas, Pranayamas und Mudras und singen Mantras. Diese Praktiken sind tatsächlich die Grundpfeiler einer typischen Yoga-Stunde. Viele moderne Yoga-Haltungen sind eine Mischung aus klassischer Yoga-Philosophie und tantrischen Praktiken – was gar nicht schlecht ist. Nur ist das Ziel nicht mehr die Unsterblichkeit, sondern Harmonie und Stabilität im Leben.

 

Anu Visuri

Yoga Teacher, Munich/Germany

Anusara Inspired * Yogamazé * Yoga Alliance E-RYT 200 and RYT 500

More about Anu and Yoga: www.anuvisuriyoga.com

IG @anuvisuriyoga

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